Gase im Kanal – unsichtbare Gefahren für Kanalinspekteure
Was man nicht sehen kann, kann lebensgefährlich sein.
Ein Überblick über gefährliche Gase, ihre Eigenschaften und mögliche
Auswirkungen auf die Gesundheit.
In der Kanalisation können gefährliche Gase und sauerstoffarme Atmosphären
entstehen. Sie sind häufig weder sichtbar noch zuverlässig am Geruch
erkennbar. Für Beschäftigte in der Kanalinspektion gehören diese Gefahren
deshalb zu den besonders wichtigen Themen des Arbeitsschutzes.
Wichtiger Hinweis – keine Sicherheitsunterweisung
Dieser Fachbeitrag informiert ausschließlich über mögliche Gefahren und
gesundheitliche Auswirkungen von Gasen in abwassertechnischen Anlagen.
Er ist ausdrücklich keine Handlungsanleitung und ersetzt weder eine
Gefährdungsbeurteilung noch eine betriebliche Unterweisung oder praktische
Sicherheitsausbildung.
Das richtige Verhalten, erforderliche Schutzmaßnahmen, der Umgang mit
Gaswarngeräten und das Vorgehen in Notfallsituationen müssen durch
qualifizierte Ausbilder und die betrieblich Verantwortlichen vermittelt
werden.
Aus diesem Beitrag dürfen keine eigenständigen Entscheidungen über die
Durchführung von Arbeiten in Schächten, Kanälen oder anderen
umschlossenen Räumen abgeleitet werden.
1. Warum sind Gase im Kanal so gefährlich?
Kanäle und Schächte sind geschlossene beziehungsweise teilweise geschlossene
Räume. Die Luft kann sich dort anders zusammensetzen als an der Oberfläche.
Je nach Abwasser, Ablagerungen, biologischen Prozessen und äußeren Einflüssen
können unterschiedliche Gase entstehen oder eingetragen werden.
Besonders problematisch ist, dass mehrere Gefahren gleichzeitig auftreten
können. Eine Atmosphäre kann beispielsweise giftig, brennbar und
sauerstoffarm sein. Die Gefährlichkeit ist dabei nicht unbedingt mit den
menschlichen Sinnen wahrnehmbar.
Wichtig zu wissen:
Eine klare, scheinbar normale Luft bedeutet nicht automatisch, dass keine
Gefahr besteht. Viele gefährliche Gase sind unsichtbar und geruchlos.
2. Die wichtigsten gefährlichen Gase
H₂S
Schwefelwasserstoff
Giftig
Besonders gefährlich
Schwefelwasserstoff kann bei Fäulnis- und Abbauprozessen in
Abwasseranlagen entstehen. Er ist unter anderem für den typischen
Geruch nach faulen Eiern bekannt.
Das Tückische: Bei höheren Konzentrationen kann der Geruchssinn
beeinträchtigt werden. Der Geruch ist deshalb kein zuverlässiger
Hinweis auf die tatsächliche Konzentration.
Mögliche Auswirkungen:
- Reizung von Augen und Atemwegen
- Kopfschmerzen und Schwindel
- Übelkeit und Bewusstseinsstörungen
- Schwere Vergiftungen bis hin zu lebensbedrohlichen Folgen
CH₄
Methan
Brennbar
Explosionsgefahr
Methan kann bei biologischen Abbauprozessen entstehen. Es ist
farb- und geruchlos und wird vom Menschen nicht zuverlässig
wahrgenommen.
In bestimmten Konzentrationsbereichen kann Methan zusammen mit
Luft ein explosionsfähiges Gemisch bilden. Zusätzlich kann es
Sauerstoff verdrängen.
Mögliche Gefahren:
- Bildung explosionsfähiger Atmosphären
- Brand- und Explosionsgefahr
- Sauerstoffverdrängung
- Erstickungsgefahr bei entsprechender Atmosphäre
CO₂
Kohlendioxid
Erstickungsgefahr
Farblos und geruchlos
Kohlendioxid kann bei biologischen Abbau- und Gärungsprozessen
entstehen. Es ist farb- und geruchlos und kann in bestimmten
Situationen in gefährlichen Konzentrationen auftreten.
Eine erhöhte Kohlendioxidkonzentration kann die Atmung unmittelbar
beeinträchtigen. Gleichzeitig kann eine sauerstoffarme Atmosphäre
entstehen.
Mögliche Auswirkungen:
- Beschleunigte Atmung und Atemnot
- Kopfschmerzen und Schwindel
- Bewusstseinsstörungen
- Lebensgefährliche Erstickungsgefahr
O₂
Sauerstoffmangel
Akute Lebensgefahr
Nicht nur giftige Gase stellen eine Gefahr dar. Auch ein zu geringer
Sauerstoffanteil in der Atemluft kann innerhalb kurzer Zeit
lebensbedrohlich werden.
Sauerstoff kann beispielsweise durch andere Gase verdrängt oder
durch chemische und biologische Prozesse verbraucht werden.
Mögliche Auswirkungen:
- Nachlassende körperliche und geistige Leistungsfähigkeit
- Schwindel und Verwirrtheit
- Bewusstlosigkeit
- Schwere gesundheitliche Schäden bis hin zum Tod
CO
Kohlenmonoxid
Hochgiftig
Geruchlos
Kohlenmonoxid ist ein farb- und geruchloses Gas. Es kann unter
anderem durch unvollständige Verbrennungsprozesse entstehen und
abhängig von den örtlichen Bedingungen in Arbeitsbereichen
auftreten.
Das Gas beeinträchtigt den Sauerstofftransport im Körper. Dadurch
können Organe und insbesondere das Gehirn nicht mehr ausreichend
mit Sauerstoff versorgt werden.
Mögliche Auswirkungen:
- Kopfschmerzen und Schwindel
- Übelkeit und Schwächegefühl
- Bewusstseinsstörungen
- Schwere Vergiftungen mit Lebensgefahr
NH₃
Ammoniak
Reizend
Ätzend
Ammoniak kann in Abwasseranlagen abhängig von den vorhandenen
Stoffen und biologischen Prozessen vorkommen. Es besitzt einen
stechenden Geruch.
Das Gas kann insbesondere Augen, Schleimhäute und Atemwege reizen.
Bei hohen Konzentrationen sind schwere gesundheitliche Schäden
möglich.
Mögliche Auswirkungen:
- Reizungen und Schmerzen der Augen
- Reizung der Atemwege
- Husten und Atembeschwerden
- Schwere Schädigungen der Atemwege
3. Weitere mögliche Gefahrstoffe
Neben den genannten Gasen können in abwassertechnischen Anlagen weitere
Gefahrstoffe vorkommen. Welche Stoffe tatsächlich auftreten, hängt unter
anderem von der Zusammensetzung des Abwassers, angeschlossenen Betrieben,
industriellen Einleitungen und den jeweiligen Betriebsbedingungen ab.
Beispiele hierfür sind:
- Flüchtige organische Verbindungen
- Lösemitteldämpfe
- Weitere reizende oder gesundheitsschädliche Stoffe
- Stoffe aus besonderen industriellen Einleitungen
Die Zusammensetzung der Atmosphäre kann sich verändern. Eine Situation,
die zu einem früheren Zeitpunkt unauffällig war, muss daher nicht
dauerhaft ungefährlich sein.
4. Die besondere Gefährdung bei der Kanalinspektion
Kanalinspekteure arbeiten mit Kamerasystemen, Fahrwagen, Schachttechnik und
weiteren technischen Einrichtungen. Je nach Tätigkeit und örtlicher
Situation können sie dabei mit Gefahren aus der Atmosphäre in Kontakt
kommen.
Besonders relevant sind Tätigkeiten in oder unmittelbar an Schächten und
anderen umschlossenen Bereichen. Die dortige Atmosphäre kann sich von der
Umgebungsluft deutlich unterscheiden.
Auch bei der Inspektion aus dem öffentlichen oder betrieblichen Bereich
heraus muss die jeweilige Arbeitssituation betrachtet werden. Ob und
welche Gefährdungen bestehen, lässt sich nicht pauschal allein anhand
der eingesetzten Kameratechnik beurteilen.
Merke:
Die Gefahren durch Gase sind nicht immer sichtbar, riechbar oder unmittelbar
spürbar. Gerade deshalb ist das Thema ein unverzichtbarer Bestandteil der
fachlichen Ausbildung im Bereich Kanalinspektion.
5. Warum die fachliche Unterweisung so wichtig ist
Die Kenntnis möglicher Gefahrstoffe ist nur ein Teil der notwendigen
Sicherheitskompetenz. Die tatsächliche Gefährdung hängt von vielen
Faktoren ab, darunter die örtlichen Gegebenheiten, die Tätigkeit, die
Zusammensetzung der Atmosphäre und die betrieblichen Rahmenbedingungen.
Die Vermittlung des richtigen Verhaltens gehört deshalb in die Hände
qualifizierter Ausbilder und der dafür verantwortlichen Fachkräfte.
Dazu zählen insbesondere die praktische Sicherheitsunterweisung und
die betrieblich festgelegten Verfahren.
Dieser Beitrag soll dafür sensibilisieren, dass in Kanälen und Schächten
Gefahren bestehen können, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind.
Er soll keine praktische Ausbildung ersetzen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Gefährliche Gase können unsichtbar und geruchlos sein.
- Schwefelwasserstoff kann schwere Vergiftungen verursachen.
- Methan kann explosionsfähige Atmosphären bilden.
- Kohlendioxid und andere Gase können Sauerstoffmangel begünstigen.
- Sauerstoffmangel selbst kann lebensbedrohlich sein.
- Auch weitere Gefahrstoffe können abhängig von den Bedingungen auftreten.
Die Kenntnis dieser Gefahren ersetzt keine Sicherheitsunterweisung.
Das richtige Verhalten muss durch qualifizierte Ausbilder vermittelt
werden.
Weiterführende Informationen auf Kanalinspekteure.de
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